Krebs und Familie Was Angehörige nun tun können

Autor: Perspektive LEBEN

Helfen und helfen lassen: Verkriechen hilft nicht. Angehörigen hilft das Gespräch. © vegefox.com, Jacob Lund – stock.adobe.com

Die Diagnose Krebs kommt unerwartet – besonders für die Angehörigen. Der Schock ist anders als für die Patienten, aber nicht minder einschneidend. Die Erfahrung im Umgang mit der Krankheit fehlt, Antworten auf viele Fragen ebenso: Wie verhalte ich mich gegenüber dem Betroffenen? Was ist richtig und was falsch? Und wie gehe ich mit dem psychischen Druck und meinen Ängsten um?

Angehörige werden indirekt Betroffene. Auch sie müssen die Krankheit meistern, selbst wenn es nicht ihre eigene ist. Dabei benötigen sie oft Hilfe. Perspektive LEBEN sprach darüber mit zwei Expertinnen von der Niedersächsischen Krebsgesellschaft e.V. in Hannover: mit der Geschäftsstellenleiterin Dr. Bärbel Burmester und mit Annette Schmidt, zuständig für die psychoonkologische Beratung.

Die Diagnose verändert den Alltag und die Lebensperspektiven für Patienten und ihre Angehörigen. „Auch wenn Krebs heute eine gut behandelbare Krankheit ist, dominieren zu Beginn Angst und Hilflosigkeit“, weiß Dr. Burmester. Für Angehörige sind die neuen Lebensumstände gleichermaßen schwierig. Vor allem die Sorge, man könne einen geliebten Menschen verlieren, ist ein schwer zu beherrschendes Gefühl.

Anteilnahme ist in einer solchen Situation wichtig. Während der Kranke medizinisch betreut und behandelt wird, kommen Angehörige sich oft überflüssig vor. „Doch das sind sie nie“, betont Annette Schmidt und erklärt: „Allein ihre Anwesenheit und ihr Beistand sind für den Patienten in jeder Phase seiner Erkrankung enorm wichtig.“

Sprechen und unterstützen

Die Auswirkungen der Krankheit treffen Krebspatienten unmittelbar. Sie fühlen sich schwach. Ihre Gedanken kreisen zudem um ihre Prognose beziehungsweise um ihre Zukunft. „Das kann zu Verhaltensänderungen führen. Stimmungsschwankungen, Nervosität oder Aggressivität können die Folge sein“, sagt Annette Schmidt. „Angehörige müssen das richtig einordnen und sollten es nie persönlich nehmen.“

Gerade in der ersten Zeit nach der Diagnose und während der Therapie kommt es darauf an, den Betroffenen zu entlasten. An welchen Stellen eine Entlastung nötig ist, lässt sich gut in einem offenen Gespräch ergründen. Angehörige können dabei gezielte Fragen stellen, ihre Unterstützung anbieten und vor allem seelischen Beistand bekunden. „Wir schaffen das gemeinsam! – Eine solche Botschaft gibt jedem Patienten Kraft“, empfiehlt Dr. Burmester. „Und das Gespräch sollte stets offen und ehrlich geführt werden.“

Wissen hilft weiter

Eine nützliche Hilfe ist die Informationsbeschaffung rund um die Diagnose und Therapie. Da die Gedanken der Betroffenen um ihre Ängste und Befürchtungen kreisen, nehmen sie Anweisungen und Informationen oftmals anders wahr. Angehörige sollten sie daher zu den Arztgesprächen und Untersuchungen begleiten.

In Absprache können sie auch die Gesprächsführung übernehmen. Zudem können beispielsweise Krebsberatungsstellen aufgesucht werden. So erhalten sie nützliche Informationen außerhalb der medizinischen. „Wissen kann helfen, die Ängste abzubauen und gelassener mit der Therapie und der Zukunft umzugehen. Und zwar sowohl für die Erkrankten als auch für die Angehörigen“, stellt Annette Schmidt fest. „Außerdem ist die gemeinsame Informationsbeschaffung auch deshalb sinnvoll, weil die Informationsbedürfnisse rund um die neue Lebenssituation unterschiedlich sein können.“

Organisieren, Kräfte bewahren, nicht überfordern

Neben seinem Engagement für den Erkrankten muss ein Angehöriger den eigenen Alltag meistern. Da er hierbei schnell überfordert ist, sollte er sich um entsprechende Hilfe kümmern. Nach Rücksprache mit dem Erkrankten kann er andere Personen um Unterstützung bitten. „Gute Freunde, Bekannte oder Nachbarn sind in der Regel sehr hilfsbereit. Meist halten sie sich jedoch zurück, weil sie unsicher sind“, weiß Dr. Burmester. „Mit ein bisschen Organisationsgeschick können so Alltagsaufgaben auf mehrere Schultern verteilt werden.“

Angehörige dürfen sich nicht überfordern. Sie müssen sich unbedingt Pausen gönnen und ihren Akku regelmäßig aufladen. Andernfalls kommen sie schnell an die Grenzen ihrer körperlichen und psychischen Kräfte. Wer aber selbst völlig erschöpft ist, kann nicht so helfen, wie er es gerne möchte. Deshalb empfehlen die Expertinnen, die Lebensgewohnheiten nicht aufzugeben, Hobbys und Freundschaften auch weiterhin zu pflegen. „Das ist ganz entscheidend. Wir erleben immer wieder, dass Angehörige völlig ausbrennen. Das hilft niemandem“, erläutert Annette Schmidt. „Kommt es dennoch dazu, sollten sie unbedingt Hilfe von anderen Menschen, seien es Nachbarn, seien es professionelle Psychologen, in Anspruch nehmen.“

Geeignete Ansprechpartner finden sie dann zum Beispiel bei Krebsberatungsstellen, Psychoonkologen, Gesundheitsämtern oder Sozialarbeitern. Die Angebote seriöser Beratungsstellen sind grundsätzlich kostenfrei, auch wenn sie mehrfach aufgesucht werden. Eine weitere Möglichkeit ist der gemeinsame Besuch von Selbsthilfegruppen für Betroffene und Angehörige. Allein der Austausch mit Gleichgesinnten entlastet schon und gibt Kraft zurück.

Dr. Bärbel Burmester, Geschäftsstellenleiterin Niedersächsische Krebsgesellschaft e.V., Hannover © Privat
Annette Schmidt, psychoonkologische Beratung Niedersächsische Krebsgesellschaft e.V., Hannover © Privat