Interview mit BionTech mRNA-Impfstoffe gegen Corona als Vorreiter für die Onkologie

Autor: Florian Martius

Mit dem Immunsystem gegen den Krebs: Jeder Tumor hat Merkmale, die man zur Bekämpfung nutzen kann. © iStock/skynesher, skodonnell

Eigentlich standen Impfstoffe gegen Krebs auf dem Forschungsprogramm des Unternehmens BioNTech. Doch dann kam die Pandemie. Und in Mainz beschloss man, die mRNA-Technologie gegen COVID-19 einzusetzen. Der Rest ist bekannt: Daraus wurde der erste weltweit zugelassene COVID-19-Impfstoff – und die erste mRNA-basierte Vakzine. Die Krebsstudien laufen weiter.

Die Medizinerin und BioNTech-Geschäftsführerin PD Dr. Özlem Türeci geht davon aus, dass die in der Pandemie gemachten Erfahrungen mit der mRNA-Technologie den Fortschritt in der Krebsbekämpfung enorm beschleunigen werden. Die Vision: eine maßgeschneiderte Krebstherapie für jeden einzelnen Patienten.

Wann hatten Sie zum ersten Mal die Idee, Krebs mit einer Impfung zu bekämpfen?

Dr. Özlem Türeci: Die Idee ist nicht neu und die gab es schon vor uns. Das Konzept zu impfen, was ja eigentlich nur bedeutet, dass man das Immunsystem eines Menschen mit den Strukturen bekannt macht, gegen die es angehen soll, hat eine lange Vorgeschichte. Wir haben in den 1990er-Jahren damit begonnen, uns mit unserem Team damit zu beschäftigen, wie wir Impfungen in der Krebsbekämpfung nutzen könnten. Als junge Wissenschaftlerin war mir klar: Das Immunsystem ist so potent – warum nutzen wir das nicht, um den Patienten selbst zu befähigen, Krebs zu bekämpfen? Daraus haben sich dann verschiedene wissenschaftliche Aktivitäten entwickelt.

Wenn Sie an diese Zeit zurückdenken: Haben Sie damals gespürt, dass das funktionieren kann, obwohl viele der Instrumente dafür noch gar nicht zur Verfügung standen?

Dr. Özlem Türeci: Ja, das war die volle Überzeugung. Wir haben gesehen, wie das Immunsystem mit seinen Abstoßungsreaktionen bei Organtransplantationen funktioniert, nämlich sehr effizient, aber eben gegen das falsche Ziel. Als Ärztin war mir klar: Das System kann auch in der Krebsbehandlung funktionieren. Aber der Weg würde ein langer sein.

Dann kam die Pandemie und von Krebsforschung war kaum noch die Rede. Wie kamen Sie auf die Idee, ihr Wissen gegen das neuartige Virus einzusetzen?

Dr. Özlem Türeci: Wir bei BioNTech sind Immunologen. Das ist der Grund, warum wir das Immunsystem erforschen und Ansätze entwickeln, die das Immunsystem für sich nutzt. Und wir sind Krebsmediziner, die ihre Motivation daraus gezogen haben, dass wir unseren Patienten viel zu oft sagen mussten, dass wir mit den Medikamenten, die uns zur Verfügung stehen, leider nichts mehr für sie tun können. Nun ist es so, dass das Immunsystem, das wir gegen Krebs einsetzen wollen, über Jahrmillionen Jahre von der Evolution entwickelt worden ist, um gut gegen Pathogene zu funktionieren. Und das macht es hervorragend, die meisten potenziellen Krankheitserreger sind schon abgewehrt, bevor wir sie überhaupt bemerken. Wir haben uns also das Immunsystem und seine Instrumente gegen Viren sehr intensiv angesehen, mit dem Ziel, diese Immunmechanismen auf Krebszellen auszurichten – und zwar, indem wir mRNA als Kommunikationsmittel nutzen. Wir hatten vor der Pandemie schon hunderte von Patienten in Studien mit unseren Krebsimpfungen behandelt, wussten, dass es funktioniert und wie wir es in die Klinik bringen. Auf dieser Expertise haben wir unsere COVID-19-Impfung aufgebaut.

Ist es einfacher, gegen Viren als gegen Krebs einen Impfstoff zu entwickeln?

Dr. Özlem Türeci: Im Grunde kann man das sagen. Wir sind ja ein bisschen über das Ziel hinausgeschossen. Keiner hätte darauf gesetzt, dass wir mit unserem Impfstoff eine Effektivität von 95 % erreichen würden. Wir anfangs auch nicht. Zu Beginn der Pandemie hieß es von den Zulassungsbehörden, dass sie einen Impfstoff zulassen, wenn er eine 50-prozentige Effektivität erreicht. Das zeigt, dass das nicht so einfach ist. Aber wir hatten unsere Waffen gegen einen viel größeren Feind – nämlich Krebszellen – so geschärft, dass der immunologisch weniger große Feind – das Virus – dadurch bewältigt werden konnte.

Die Pandemie hat die Forschung in anderen Bereichen gestoppt oder verlangsamt, heißt es. Und das auch bei Krebs. Wenn ich Ihnen zuhöre, habe ich das Gefühl, dass die Pandemie das Rad der Erkenntnis doch auch ganz schön weitergedreht hat, oder?

Dr. Özlem Türeci: Die Pandemie wird sicherlich ein Beschleuniger werden. Wir hatten mit unseren Krebsimpfungen schon vor der Pandemie die fortgeschrittene klinische Testung erreicht. Viele der Schritte, die danach kommen würden, sind wir mit unserem COVID-19-Impfstoff nun schon gegangen und haben die Industrialisierung unserer mRNA-Plattform vorgezogen. Das gilt z.B. für den Aufbau globaler Produktionskapazitäten. Und das werden wir für die Weiterentwicklung der Krebsimpfstoffe nutzen. Die Pandemie war in dieser Hinsicht wie ein Zeitraffer.

Die genetische Entschlüsselung eines Tumors basiert auf großen Datenmengen – die Krebstherapie der Zukunft ist datengetrieben. Nun sind wir in Deutschland vielleicht besonders zurückhaltend, wenn es um Gesundheitsdaten geht. Müssen wir da umlernen?

Dr. Özlem Türeci: Unsere Vision ist es, maßgeschneiderte Krebstherapien für jeden Einzelnen zu entwickeln. Jeder Krebs ist einzigartig. Das heutige Therapie-Paradigma ist, dass wir mit den vorhandenen Therapien eine Art Mittelwert finden, um möglichst viele Patienten erfolgreich behandeln zu können – wohlwissend, dass ein Teil der Patienten eigentlich nicht mit dem Passenden behandelt wird. Deshalb ist es so wichtig, dass wir den individuellen Krebs verstehen und die Therapie entsprechend maßschneidern. Das aber kann nur datengetrieben sein. Es ist im Grunde wie ein Steckbrief. Wenn Sie nach jemandem fahnden – etwa, weil er gefährlich ist –, dann wollen Sie möglichst genaue Informationen haben, um präzise vorgehen zu können. So ist es auch in der Krebsbekämpfung. Diese personengebundenen Daten sind die Grundlage, um die Vision von individualisierten Therapien zu erfüllen.

Aber es haben viele Angst vor Datenmissbrauch …

Dr. Özlem Türeci: Es ist ganz klar, dass ein strenger Datenschutz herrschen muss, der im Detail und an Realsituationen angepasst auszuarbeiten ist. Dies sollte mit Augenmaß geschehen, sodass sich Risiko und Nutzen die Waage halten.

Was ist die größte Herausforderung beim Maßschneidern von Krebstherapien?

Dr. Özlem Türeci: Da gibt es natürlich technische Herausforderungen. Wir haben dabei schon das Thema gelöst, welche Nadeln wir in diesem großen Daten-Heuhaufen suchen wollen. Es sind ganz viele Informationen und man muss sich fragen: Was davon nutzt man, um tatsächlich gegen den Krebs vorzugehen? Dazu haben wir Algorithmen entwickelt, die aus den vielen Daten die relevanten Informationen für eine hohe Präzision und eine hohe Potenz herausziehen.

Sicher ist auch die Zeit ein Faktor, oder?

Dr. Özlem Türeci: Auch dieses Problem konnten wir lösen. Die Frage war: Wie können wir eine Therapie „on demand“, also auf Bestellung, maßgeschneidert und dann auch schnell bereitstellen? Schließich wächst der Tumor weiter. Da hat uns die mRNA-Technologie weitergebracht. Wir sind mit ihr in der Lage, vier bis fünf Wochen, nachdem wir die Daten eingelesen haben, dem Patienten seinen individuellen Impfstoff zu liefern. Als wir damit angefangen haben, hat das fast ein halbes Jahr gedauert. Jetzt laufen gerade die klinischen Studien, in denen wir zeigen müssen, dass unsere Impfung besser ist als die Standardtherapie. Wenn diese Hürde genommen ist und die Daten dafür sprechen, kann so eine Therapie zugelassen werden. Aber dann stehen schon die nächsten Herausforderungen vor der Tür.

Welche?

Dr. Özlem Türeci: Die größte Herausforderung wird sein, wie man diese neue Therapie in den Medizinbetrieb einbaut. Das braucht angepasste Rahmenbedingungen, besondere Logistik, es bedeutet, dass wir große Datenmengen sicher managen müssen. Da sind viele Facetten zu beachten, an Lösungen arbeiten wir.

Und das stellt sicher neue Herausforderungen an das klassische klinische Studiendesign?

Dr. Özlem Türeci: Auch das. Das ist ein Thema gewesen, dass wir mit den Zulassungsbehörden klären konnten, und die deutschen Behörden haben dabei eine Vorreiterrolle übernommen. Die Herausforderung war, dass wir eine individuelle Therapie für den einen Patienten mit der Standardtherapie für alle vergleichen müssen. Das erarbeitete Konzept sieht vor, dass der Prozess, wie wir für jeden Patienten von der Information hin zu seinem Impfstoff kommen, identisch sein muss. Dass am Ende jeder dieser Impfstoffe von unikaler Komposition ist, das ist klar – das liegt in der Natur der Individualisierung. Aber solange der Prozess identisch bleibt, ist die Vergleichbarkeit gegeben und klinische Vergleichsstudien und Zulassungsverfahren können dem gewohnten Ansatz folgen. Im Grunde ist hier der Prozess das Produkt.

Dann noch mal die Frage: Diese Art von innovativer Krebsbekämpfung geht ohne Datennutzung nicht …

Dr. Özlem Türeci: Nein. Schauen Sie sich die Chemotherapie an. Hier arbeitet man mit Zellgiften und zielt auf die schnell teilenden Krebszellen. Dafür wird in Kauf genommen, dass auch andere Zellen betroffen werden. Das funktioniert für fast alle Krebsarten und ich muss auch nicht wissen, wie der Tumor molekular aussieht. Dann gibt es die sogenannten „targeted therapies“, die bei Tumoren mit bestimmten genetischen Merkmalen funktionieren – aber eben nur bei denen. Darauf müssen sie getestet werden: Das ist im Grunde ein molekularer Test, nicht sehr komplex, denn es ist eben nur der Blick auf dieses eine Molekül. Das führt dazu, dass ich mit dieser Therapie die Patienten heraussuchen kann, die in den Genuss dieses Therapieansatzes kommen können. Aber leider war ich als Ärztin oft genug damit konfrontiert, Menschen, denen ich durch die Testung Hoffnung gemacht hatte, erklären zu müssen, dass sie für diese Therapie leider nicht infrage kommen.

Immerhin: ein erster Schritt in Richtung gezielte Therapie …

Dr. Özlem Türeci: Ja. Aber nun gibt es eben die Möglichkeit, sich jeden Tumor auf seine genetische Einzigartigkeit anzuschauen und aus ihm das zu nutzen, was man gegen den Krebs einsetzen kann. Das ist persönlich. Gleichzeitig eröffnet es den Weg zu einem universellen Ansatz. Es wird niemand ausgeschlossen, es finden sich in jedem Tumor Merkmale, die zur Krebsbekämpfung genutzt werden können. Das bedeutet aber, dass man die Erlaubnis haben muss, hineinzuschauen – und da geht es um Daten.

Bei der Bekämpfung welcher Tumorerkrankungen sehen Sie die schnellsten Erfolge?

Dr. Özlem Türeci: Im Prinzip ist das Konzept individueller Krebsimpfungen universell einsetzbar, weil wir Krebsmutationen als Ziel nutzen – also das, was den Krebs zum Krebs macht. Die klinischen Studien werden allerdings tumorspezifisch durchgeführt. Wir haben zum Beispiel Studien gegen den schwarzen Hautkrebs oder starten jetzt klinische Studien zu Darmkrebs.

Wenn das universell ist, dann ist zwingend die nächste Frage: Steckt in dieser Technologie die Chance, Krebs heilbar zu machen?

Dr. Özlem Türeci: Bis zur Heilbarkeit des Krebses haben wir noch einen Weg vor uns. Da müssen zwei Dinge Hand in Hand gehen: Die Früherkennung und Therapien, die hochpräzise und potent sind. Die Hoffnung liegt auf der Nutzung des Immunsystems. Denn letztlich ist Krebsbekämpfung eine Frage von Zahlen. Je mehr Krebszellen ich bekämpfen muss – je fortgeschrittener die Erkrankung ist –, desto mehr Immunantwort müssen wir entgegenstellen. Also müssen wir möglichst früh Krebs erkennen, um früh einschreiten zu können, um dann auch wirklich die letzte Krebszelle, die sich da noch irgendwo versteckt, zu erwischen. Denn die ist letztlich verantwortlich dafür, dass der Krebs wiederkommen kann.

Noch dauert es vier, fünf Wochen, bis ein individualisierter Impfstoff zur Verfügung steht. Halten Sie es für realistisch, dass in einigen Jahren aus morgens entnommenen Gewebeproben am selben Tag noch eine wirksame Therapie zur Verfügung steht?

Dr. Özlem Türeci: Das werden wir sicher nicht in den nächsten Jahren erreichen, aber es sind solche Visionen und Träume, die mich unter anderem bei der Arbeit halten.

In Deutschland gibt es immer wieder Klagen über überbordende Bürokratie, die z.B. auch die Zulassungsprozesse verlängert. Müssen wir schneller werden?

Dr. Özlem Türeci: Wir haben in der Pandemie sehr, sehr gute Erfahrungen gemacht, weil Behörden uns Tag und Nacht unterstützt haben. Riesige Dossiers, deren Bearbeitung normalerweise Monate dauert, wurden dank priorisierter Ressourcen in wenigen Tagen bearbeitet. Das zeigt mir: Wenn alle das gleiche Empfinden für Dringlichkeit haben und die Prioritäten gesetzt sind, ist vieles möglich. Ich würde mir wünschen, dass das, was alle Akteure zusammen in der Pandemie erarbeitet haben, was wir beschleunigen konnten, auch in Zukunft möglich ist. Denn auch Krebs ist eine Pandemie.

Interview

Dr. Özlem Türeci, Medical Director BioNTech © Ci3