Blasenkrebs Blut im Urin ernst nehmen!

Autor: Dietmar Kupisch

Krebszellen in der Harnblase. Die Vergrößerung zeigt die Zellhaufen des Tumors. © Artemida-psy – stock.adobe.com

Jährlich erkranken etwa 30.000 Menschen an diesem Tumor. Er stellt die vierthäufigste Krebserkrankung des Mannes dar. Der Hauptrisikofaktor ist das Rauchen. Das mittlere Erkrankungsalter liegt bei 70 Jahren. Nach der Diagnose Blasenkrebs gibt es jedoch einige Therapiemöglichkeiten.

Eine Blutbeimengung im Urin kann auf einen Blasentumor hindeuten. Urologen sprechen dann von einer schmerzlosen Hämaturie. „Betroffene sollten das unbedingt zeitnah abklären lassen, denn das Pro­blem hierbei ist die trügerische Schmerzlosigkeit und, dass die Blutbeimengung im Urin anfangs auch wieder verschwindet“, sagt Professor Dr. Peter Hammerer, Chefarzt der Klinik für Urologie und Uroonkologie am Städtischen Klinikum in Braunschweig. Er betont: „Je früher wir den Tumor entdecken, desto besser können wir ihn behandeln.“

Die Blase

Die Harnblase ist als Teil des Harntrakts ein Organ, in dem der Urin zwischengespeichert wird. Sie ermöglicht, den Harn willentlich und nur von Zeit zu Zeit abzugeben.

Experten entscheiden gemeinsam

Grundsätzlich unterscheiden Uroonkologen zwischen oberflächlichen und muskelinvasiven Blasentumoren. Darüber hinaus hängen Art und Umfang der Behandlungen auch von der Lage und dem Stadium des Tumors ab. Ist die Diagnostik abgeschlossen und liegen sämtliche Ergebnisse vor, entscheiden mehrere Experten beteiligter Fachrichtungen über die Therapiestrategie. In Fachkreisen spricht man von einer interdisziplinären Tumorkonferenz.

In den meisten Fällen Ausschabung

Bei der großen Mehrheit der Patienten wird ein oberflächlicher Blasentumor diagnostiziert. Bei ihnen sind lediglich die Schleimhaut beziehungsweise die obersten Schichten der Harnblase betroffen, der Tumor ist also nicht in die Muskelschicht eingewachsen. „Diese Tumoren lassen sich gut durch eine Ausschabung, die sogenannte transurethrale Resektion, entfernen“, sagt Prof. Hammerer. „Wir platzieren hierzu einen Schaft über die Harnröhre in die Blase, können so spezielle Instrumente einführen und den Tumor gut operieren.“

Rezidiven vorbeugen

Blasentumoren neigen dazu, wieder aufzutreten. „Circa 70 Prozent der Patienten bekommen ein Rezidiv. Um dieses Risiko zu minimieren, führen wir nach der Operation meist eine Chemotherapie-Frühinstallation durch“, berichtet Prof. Hammerer. Hierbei werden Medikamente über einen Katheter eingeführt und wirken lokal in der Blase. Zusätzlich kann auch nach einigen Wochen eine weitere Operation vorgenommen werden. „Dafür stehen uns moderne Techniken, wie die Fluoreszenz-assistierte Blasenausschabung zur Verfügung. Tumoren in der Harnblase lassen sich damit besser erkennen“, erläutert Prof. Hammerer. „Existiert zudem ein erhöhtes Risiko für ein Wiederauftreten des Tumors, geben wir dem Patienten sechs Wochen nach der Operation ebenfalls eine Chemotherapie-Spülung.“

Des Weiteren lautet die Empfehlung, alle drei Monate eine Kontroll-Zystoskopie durchführen zu lassen. Bei einer solchen Blasenspiegelung untersucht der Arzt mit einem speziellen Endoskop, namens Zystoskop, die Harnblase.

Blasenentfernung bei muskelinvasiven Tumoren

Muskelinvasive Blasentumoren haben eine schlechtere Prognose. Denn ist der Tumor in die Blasenmuskelschichten eingewachsen, wird die Behandlung problematisch. In Abhängigkeit von der Lage des Tumors und seiner Ausdehnung kommen nun verschiedene Therapieverfahren zur Anwendung. Das Standardverfahren ist die sogenannte Zystektomie, die Entfernung der Harnblase. Beim Mann wird hier von der Zystoprostatektomie gesprochen, weil die Prostata mit entnommen wird.

„Um den Behandlungserfolg zu verbessern, empfehlen wir vor einer Blasenentfernung, eine Chemotherapie durchzuführen. Diese neo-adjuvante Therapie verringert das Risiko für die Bildung weiterer Tochtergeschwulste und ist ein etablierter Behandlungsstandard“, erklärt Prof. Hammerer. Bei fortgeschrittenen Tumoren kann alternativ eine adjuvante Chemotherapie, innerhalb der ersten drei Monate nach der Operation, empfohlen werden.

„Unser Ziel ist es, die Harnblase möglichst zu erhalten“, betont Prof. Hammerer. Und das ist teilweise auch bei Tumoren möglich, die in die Blasenmuskelschichten eingewachsen sind.“ Liegt der Tumor beispielsweise am Blasendach, kann nur dieser Bereich isoliert herausgeschnitten werden. Eine Entfernung der Blase ist dann nicht notwendig. Bei isolierten Tumoren, die nicht sehr ausgedehnt sind, besteht zudem die Möglichkeit einer Radio-Chemotherapie, das ist eine Kombination aus Bestrahlung und Chemotherapie. Der Patient bekommt Medikamente, die den Tumor bekämpfen. Zusätzlich wird noch die Blase von außen bestrahlt.

Immuntherapie in speziellen Fällen

Die Chemotherapie spielt eine zentrale Rolle bei der Behandlung des Blasenkrebses. „Allerdings kommt nicht für jeden eine solche Behandlung infrage. So würden wir mit Blick auf die Nebenwirkungen beispielsweise bei sehr kranken Patienten von einer so belastenden Therapie absehen“, lautet der Hinweis von Prof. Hammerer. „Auch bei eingeschränkter Nierenfunktion, schlechtem Gehör, Neuropathie oder Herzinsuffizienz führen wir meist keine Chemotherapie durch. Hier bietet sich neuerdings die Immuntherapie an.“ Bei der Immuntherapie handelt es sich ebenfalls um eine medikamentöse Behandlungsform. Jedoch wirkt sie spezifischer, weniger belastend und hat geringere Nebenwirkungen.

Enttarnung der Tumorzellen

Spezielle Medikamente, sogenannte Immuncheckpoint-Inhibitoren, regen das körpereigene Immunsystem an, die Tumorzellen zu bekämpfen. „Noch kann die Immuntherapie nicht bei jedem Patienten angewendet werden. Nur wenn der PD-L1-Status positiv ist, können wir eine Behandlung mit Checkpoint-Inhibitoren durchführen“, erläutert Prof. Hammerer.

Forscher haben vor einigen Jahren erkannt, dass sich Tumorzellen tarnen wie gesundes Gewebe. Daher kann sie das Immunsystem nicht entdecken. Sie manipulieren mit speziellen Eiweißen die sogenannten Checkpoints des Immunsystems. Diese Eiweiße interagieren mit den Abwehrzellen des Immunsystems, kurz T-Zellen, und setzen sie außer Kraft. Viele Tumoren entwickeln ein Eiweiß mit dem Namen Programmed Death Ligand 1, kurz PD-L1. Mittlerweile gibt es Medikamente beziehungsweise Antikörper, die verhindern, dass PD-L1 mit den T-Zellen interagiert. Die Tumorzellen werden dadurch enttarnt, von den T-Zellen wieder erkannt und bekämpft.

Da die Forscher die Biologie des Blasentumors immer mehr verstehen, laufen aktuell viele Studien, die weitere Behandlungskonzepte untersuchen. „Gerade für fortgeschrittene Tumoren wird es so zukünftig weitere Erfolg versprechende Therapieoptionen geben“, prognostiziert Prof. Hammerer.

Prof. Dr. Peter Hammerer, Chefarzt der Klinik für Urologie und Uroonkologie am Städtischen Klinikum in Braunschweig © Privat