Brustkrebs Ein langer Weg von der Diagnose in die Normalität – Ungeduld und Ängste als Hürden

Autor: Dietmar Kupisch

Die Diagnose bedeutet, dass es auch Rückschläge geben kann. Wichtig ist es, trotz alledem den Mut zu behalten. © iStock/goodmoments; tache – stock.adobe.com

Ein Moment, in dem die Welt zusammenbrach. Ein Moment, der schlagartig alles veränderte. Etwa so fühlte sich Melanie Richstein, als man ihr die Diagnose Brustkrebs stellte. Das ist über zwei Jahre her, doch sie erinnert sich ganz genau, beinahe an jeden Tag. Und nie wird sie die Rückschläge vergessen, die ihren Weg zur Normalität so steinig machten.

Es passierte am 15. Mai 2017. Doch schon Monate vorher war klar, dass etwas nicht stimmen konnte. Ich hatte an meiner linken Brust ein drei Zentimeter großes Geschwür ertastet. Die nachfolgende Mammographie war nicht eindeutig. Meine Frauenärztin vermutete ein Fibroadenom, eine gutartige Neubildung in der Brustdrüse, die in der Regel nicht entfernt werden muss. Kein Grund zur Sorge, aber auch kein Grund zur Entwarnung. Wohlbefinden geht anders.

Wollte hören, dass ich gesund bin

Meine Mutter war es dann, die merkte, dass mir diese unklare Diagnose in den nachfolgenden Wochen keine Ruhe ließ. Sie drängte mich dazu, noch einmal nachzufassen, um den Befund zweifelsfrei abzuklären. Zudem fühlte ich mich ständig matt und antriebslos, ein Zustand, den ich als Sportlerin nicht kannte.

Schließlich unterzog ich mich einer Biopsie, denn nur diese feingewebliche Analyse meines Geschwüres konnte Klarheit schaffen. Gemeinsam mit Axel, meinem Mann, ging ich dann am besagten Tag zum Facharzt, um endlich zu hören, dass ich gesund bin – so wie bisher immer in meinem Leben. Diese Hoffnung wurde jedoch nicht erfüllt.

Als Erstes traf ich Hanna

Ich war geschockt. Die Diagnose lautete Brustkrebs! Musste ich sterben? Meine ersten klaren Gedanken gingen sofort zu meinen zwei Kindern, Felix und Hanna, damals acht und zehn Jahre alt. Ich wollte sie unbedingt aufwachsen sehen. Unbedingt!

Auf der Fahrt nach Hause schossen mir unzählige Fragen durch den Kopf. Alle drehten sich um meine Zukunft. Angst stieg in mir auf. Kurz vor unserem Haus stand dann Hanna, die gerade von der Schule kam. Unsere Blicke begegneten sich und sie merkte sofort, dass etwas nicht stimmte – diese besondere Eltern-Kind-Verbindung eben.

Wir hatten unsere Kinder bezüglich meiner Biopsie informiert, allerdings nur vage mögliche Konsequenzen besprochen. Wir wollten sie schließlich nicht beunruhigen. Nun blieb uns keine andere Wahl.

Warum Du?

Ich beschloss, gegenüber meinen Kindern nichts zu beschönigen. Entsprechend berichtete ich Hanna von meiner Erkrankung. Nie vergessen werde ich ihre drei anschließenden Fragen: Wirst Du sterben? Ist das ansteckend? Warum Du? Ich versuchte stark zu sein, aber es brach mir das Herz. Ich erklärte ihr, dass mich sehr gute Ärzte betreuen werden, dass ich den Behandlungsverfahren vertraue, aber auch, dass es sich um eine ernste Erkrankung handele.

Wie ernst genau, wusste ich zu diesem Zeitpunkt selbst noch nicht. Was mir allerdings bereits klar war: Meine Prognose hing ganz entscheidend vom Stadium des Tumors ab und das musste erst noch erhoben werden.

Ungeduld fraß mich auf

Es folgten zahlreiche Untersuchungen, die weiteren Aufschluss über meinen Krebs bringen sollten. Zum Schluss würden dann Ärzte der unterschiedlichen Fachrichtungen alles zusammentragen und abschließend das Tumorstadium bestimmen, das sogenannte Staging.

Die Tage bis dahin waren schwer: Ich bin ohnehin ein ungeduldiger Mensch, möchte die Dinge unter Kontrolle behalten. Diese Eigenschaften standen mir fortan im Weg. Ich konnte nicht mehr schlafen. Das Einschlafen zog sich über Stunden hin, nach maximal zwei Stunden Schlaf war meist Schluss. Dann lag ich wach. Dachte nach über ausstehende Antworten auf viele Fragen. Vor allem: Was kommt auf mich zu und wie verkrafte ich die Therapie?

Die permanente Angst vernebelte mein Bewusstsein. Der Alltag hatte sich schlagartig verändert. Ich ging nicht mehr zur Arbeit. Ein Albtraum, aus dem man nicht erwacht. Ein Freund brachte mir Schlaftabletten, doch sie halfen nur wenig. Die Ungeduld fraß mich auf.

Kurzes Aufatmen

Dann kamen die Tage, an denen die Ärzte mir die abschließenden Befunde beziehungsweise mein Tumorstadium und ihre Therapieempfehlung präsentierten. Sie hatten keine Metastasen gefunden, es handelte sich also um ein weniger kritisches Tumorstadium. Zudem kam ich für eine spezielle Immuntherapie infrage und die Operation konnte brusterhaltend erfolgen.

Meine Freundin, eine Gynäkologin, übersetzte das Ganze für mich mit den Worten: „Das ist gut“. Und ich konnte das erste Mal aufatmen. Lange hielt dieser Zustand leider nicht. Vor der OP bekam ich eine Chemotherapie, die den Tumor verkleinern sollte. Der Tumor blieb also vorerst in meinem Körper – für mich kaum zu ertragen, wollte ich ihn doch so schnell wie möglich loswerden. Meine Schlaflosigkeit blieb bestehen, für die nachfolgenden acht Monate. Schuld daran waren vor allem diverse Rückschläge.

Immer wieder Rückschläge

Die Chemo und ihre Nebenwirkungen war ich bereit zu ertragen. Die Vorstellung allerdings, meinen Körper vergiften zu müssen, um leben zu können, belastete mich. Der seelische Druck nahm nicht ab. Ich trieb weiterhin Sport, um gegenzusteuern. Ich merkte, dass mir das gut tat, ich mich körperlich besser fühlte. Leider war dies nur von kurzer Dauer: Während einer Fahrradtour mit der Familie brach ich beinahe zusammen.

Der anschließende Herz-Kreislauf-Check zeigte Wasser in meinem Herzen. Der Arzt verbot mir folglich jede Art von körperlicher Belastung. In den nächsten Monaten folgten weiter Rückschläge: So gab es einen unklaren Befund respektive Verdacht auf Metastasen in meiner Lunge. Die finale Abklärung zog sich Wochen hin. Wenig später stellte sich dann ein ungewöhnlicher Hirndruck ein. Metastasen? Mit meiner Gefühlswelt ging es in diesen Tagen unentwegt bergab. Schlafen konnte ich noch immer nicht.

Reha half

Während der Reha verbesserte sich mein Zustand erstmals. Ein Wendepunkt. Ich sprach mit Gleichgesinnten. Die Qualität dieser Gespräche tat mir gut, baute mich auf. Und rückblickend waren es stets nur Fakten, vermittelt von Experten, die mir halfen. Gut gemeinte Worte von medizinischen Laien beziehungsweise das Forschen nach der Ursache meiner Erkrankung brachten mir gar nichts.

Geholfen hat mir überdies Axel, der unablässig Arztgespräche führte und eben diese nützlichen Fakten besorgte – gefühlvoll übermittelt. Wenn nichts mehr ging, fingen uns meine Eltern auf, ohne sie hätte ich diese Zeit so nicht durchgestanden. Auch dass wir während dieser Monate versuchten, unseren Alltag aufrechtzuerhalten, ein normales Leben zu führen, war wichtig und half mir sicherlich. Heute geht es mir wieder gut. Und ich sehe das Leben deutlich gelassener als vor meiner Erkrankung. Tatsächlich – ein positiver Aspekt. Und ich schlafe wieder, mindestens so gut wie früher.


Melanie Richstein ist Lehrerin an einem Gymnasium in Hannover. Ihre Erfahrungen sollen Mut geben: "Ich sehe heute das Leben viel gelassener als vor dem Krebs." © Privat